Etwas gedankenverloren blicke ich auf die grünen Weiten der irischen Landschaft und ertappe mich dabei, wie die Gedanken abschweifen und ich mich an gerade Gedachtes nicht mehr erinnern kann. Es ist die Art von mystisch anmutender Trance, die nichts als eine wohlige Wärme und die Befriedigung einer nicht näher definierbaren Sehnsucht zurücklässt.

Ich befinde mich auf der Reise von Dublin über Kilkenny, Tipperary, Mallow und Killarney nach Dingle direkt am Atlantik im County Kerry. Vor mir liegen einige Tage kulinarischer Entdeckungsreise, und ich freue mich: bereits bei meinem ersten Besuch der grünen Insel vor zwei Jahren gab es viel zu sehen, viel zu entdecken.

Update: der zweite Teil zu meiner Irland-Reise ist mittlerweile hier erschienen: Craft Cider, Apple Brandy, Irish Gin und Sea-Salt-Eiscreme.

„Uwe, we’re almost there.“ Donals Stimme reißt mich jäh aus meinem Tagtraum, als er unseren kleinen Tourbus von der Hauptstraße in einen kleinen Feldweg steuert. Wir passieren zwei mächtige steinerne Pfeiler und ein etwas in die Jahre gekommenes Eisentor sowie eine kleine Kate, die in früheren Tagen wohl dem Torwächter Schutz vor Wind und Wetter bot.

Das ist auch bitter nötig, denn die Wetterverhältnisse sind in Irland gelinde gesagt wechselhaft, während zu meiner Linken wärmende Sonnenstrahlen den grünen Boden küssen, malträtieren kalte Regentropfen wie aus dem Nichts kommend die Erde zu meiner Rechten. Wohl dem, der sich gut gekleidet in die grüne Weite der Insel wagt.

Nach einigen Kurven auf beschottertem Weg gibt der wilde Wald, in dem jeder Baum von Efeu und Misteln umrankt zu sein scheint und ein undurchdringbares Dickicht bildet, den Blick auf eine kleine Anhöhe frei, auf der das „Longueville House“ thront und majestätisch in das „Blackwater“-Tal blickt.

Das typisch gregorianische Herrenhaus besteht aus einer zum Restaurant umfunktionierten Orangerie, dem Haupthaus und einem Nebenflügel. Dahinter finden sich leicht versetzt viele kleinere Gebäude, die früher Heimstatt der Bediensteten waren und heute als Garagen, Destillerie und Lagerräume genutzt eine neue Bestimmung erhalten haben.

Überhaupt ist das hier ein geschichtsträchtiger Ort, die O’Callahans sind – mit ein paar Unterbrechungen – seit Jahrhunderten im Besitz des Anwesens. Vor dem Haus stehen eine Reihe beeindruckender Eichen, allesamt 1815 gepflanzt, zu Ehren von Wellingtons Sieg über Napoleon bei Waterloo. Jede Eiche repräsentiert ein Regiment, die Anordnung entspricht der initialen Schlachtordnung der Briten auf der einen und der der Franzosen auf der anderen Seite.

Das Longueville House besitzt nicht nur ein Restaurant samt Hotellerie, sondern auch einen großen Garten, über den sich die Küche nahezu selbst versorgt, diverse Apfelhaine, eine eigene Cider-Produktion sowie eine Brandy-Destille.

Lammkeule am Kamin

Wir klingeln, und kurze Zeit später macht uns Aisling O’Callaghan, die Hausherrin, die Türe auf, wir stehen in einer Empfangshalle, die aus einem dieser ZDF-Schmonzetten, die gerne Sonntagabend laufen und sich immer um einen Anwalt, eine unglücklich verwitwete Fischerstochter aus einfachen Verhältnissen, deren fiese altadelige Schwiegermama und um ein tragisches Ereignis an einem idyllischen Ort in Cornwall drehen, entstammen könnte. Alte Möbel, schwere Samt-Vorhänge, Teppiche, Wandbehänge, Ölgemälde der Familienoberhäupter, Stammbäume, sonstige Adels-nahe Devotionalien, Kamine, Ohrensessel.Aisling, eine mehr als sympathische, unglaublich charismatische und gastfreundliche Frau, führt und in das Kaminzimmer, vorbei an einer Bar, wir laufen quasi Asleigh und der Nase nach: je weiter wir kommen, desto intensiver wird der Geruch schmorenden Fleisches, desto deutlicher ist ein dezentes, feines Lammaroma zu vernehmen. Im Kaminzimmer angekommen ist der Grund dafür schnell ausgemacht: vor dem Kamin vor offener, Glut-schmatzender Flamme gart eine Lammkeule auf einem Eisengestell und verströmt ihr betörendes Aroma. Schockverliebt nehme ich in einem der Ohrensessel Platz und schaffe es lange nicht, meinen Blick von diesem für mich mehr als anziehenden Szenario zu nehmen.

Neben der Zucht von Kühen ist die Zucht von Schafen und Lämmern das zweite Standbein irischer Züchter. Viele der Bauern haben gelernt, dass die exponierte geografische Lage und die daraus resultierenden Standortvorteile wie mildes Klima und vergleichsweise hohe Niederschläge ideale Bedingungen für Graswachstum und damit für die Viehzucht sind. Die Tiere verbringen 10 von 12 Monaten auf weitläufigen Weiden, fressen frisches Gras. Brian Nicholson, Lamm-Züchter aus Johnstown im County Kilkenny, hat erkannt, dass die Pflege seiner Weiden und damit die Graswirtschaft zum Garant einer herausragenden Fleischqualität wird. Deshalb verbringt er den überwiegenden Teil seiner Zeit damit, sich um seine in Summe über 100 Hektar großen Weiden zu kümmern – gänzlich ohne chemische Hilfsmittel. Nachhaltigkeit, vorausschauendes Wirtschaften, Zeit für Regeneration und Schonung der Umwelt sind langfristig billiger als künstlich gedopte und auf maximalen Ertrag getrimmte Weiden. Prävention ist billiger als die medikamentöse und damit umweltschädliche Behandlung von Symptomen. Viele Iren scheinen erkannt zu haben, welchen Wert die Natur darstellt, welches unschätzbare Gut zur Wertschöpfung zur Verfügung steht.

Nach fünf Stunden ist die Lammkeule gar, William O’Callaghan, Eigentümer und Chefkoch im Longueville House, hat sie halbstündig gewendet und das Feuer überprüft. William serviert das Lamm mit reichlich Knoblauch, was eindrucksvoll funktioniert, dazu eine sehr aromatische Estragon-Sauce, frische Bärlauchblüten und Brokkoli aus dem Garten und ein exzellent abgeschmecktes Artischocken-Kartoffelgratin.

Die Keule stammte vom „Beara Mountain Lamb“, einer Schafsrasse, die bevorzugt im hügeligen Südwesten Irlands lebt und gerne auf den steilen Klippen der Atlantikküste umherklettert. Wer den „Wild Atlantic Way“ entlang der 2.600 Küstenkilometer erkundet, wird die schwarzgesichtigen Schafe auf Klippen und Hügeln direkt am Ozean stehen sehen.

Fliegenfischen im Blackwater-Fluss

Davor bestand die Vorspeise aus einem Dreierlei, Avocado mit selbst geräucherter Lachsforelle, dazu ein deutlich orientalisch gehaltener Karottensalat sowie Linsen-Samosas, die daran erinnern, dass Großbritannien und damit auch Irland geschmacklich und kulinarisch von Indien profitierten und Einflüsse in die eigene Küche übernahmen. Die Lachsforellen angeln die O’Callaghans im Blackwater-Fluss, der durch ihre Ländereien fließt. Sie beherrschen die filigrane Kunst des Fliegenfischens, bei der der Angler im Fluss stehend den Flug einer Fliege dicht über der Wasseroberfläche imitiert. Das erfordert viel Übung, bis die Leine mit dem Fliegenimitat samt Haken so geschwungen werden kann, dass sich die schlauen Edelfische täuschen lassen. Die künstlichen Fliegen landen kurz auf der Wasseroberfläche, Zeit genug für die Lachsforelle, um zuzuschnappen. Es braucht viel Geduld, auf einen Biss können mehrere Hundert Würfe kommen. Fliegenfischen in diesem Idyll ist eine meditative Tätigkeit, für die Gäste gerne extra zum Longueville House kommen.

Als süßen Abschluss servierte William eine Mousse aus Karamell und weißer Schokolade, karamellisierte Äpfel, die für meinen Geschmack etwas zu bitter waren, sowie ein Eis, hergestellt aus dem hausgebrannten Apple Brandy. Dazu gibt es den famosen „Longueville House Cider“, den die O’Callaghans ebenfalls selbst herstellen.

Der zweite Teil der Irland-Artikelserie ist bereits hier nachlesbar.

Links

Longueville House
Mallow, County Cork, Ireland P51 KC8K
www.longuevillehouse.ie

Wild Atlantic Way
http://www.wildatlanticway.com/

Offenlegung: die Reise durch Irland erfolgte auf Einladung von Bord Bia. Auf die Berichterstattung wurde kein Einfluss genommen.