Vom 18. bis 24. April berichte ich in täglichen Reiseberichten von meiner kulinarischen Entdeckerreise aus Singapur. Heute berichte ich Dir von meinem zweiten Tag – ohne Jetlag und Müdigkeit.

Übersicht, denn der Artikel ist lang und beinhaltet viele Bilder:

Liebes Tagebuch!

Es ist schon ein Unterschied, ob man die Stadt gejetlagged und hundemüde oder frisch und voller Tatendrang erkunden kann. Die Hitze schlägt nicht so sehr durch, die hohe Luftfeuchtigkeit gibt einem nicht so schnell den Rest. Ja ich weiß, Du brauchst nichts sagen, jammern auf hohem Niveau, mimimi-und-so.

Bevor ich Dir jedoch von den Erlebnissen des heutigen Dienstags erzähle, sei der Montag sauber abgeschlossen. Es muss ja alles seine Ordnung haben.

Alte Singapurer Küche modern interpretiert: Das Peranakan-Restaurant „Candlenut“

Du wirst es nämlich nicht glauben, aber ich habe mich abends tatsächlich noch einmal aufgerafft, loszuziehen. Ja, das Grundbedürfnis „Hunger“ war stärker als „schlafen“, hinzu kam der Umstand, dass eines meiner ausgewählten Restaurants nur 200 Meter von meinem Hotel entfernt ist: Das „Candlenut“. Dort kocht Chef Malcom Lee und interpretiert die klassische Singapurer Peranakan-Küche neu, ohne sie jedoch zu sehr zu verfälschen.

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Gelernt hat er die alten Rezepte von seiner Oma. Und damit dieses Wissen nicht verloren geht – denn auch in Singapur kochen die jungen Leute (Tz! Diese Jugend!) immer weniger selbst – fokussiert er sich auf die Bewahrung dieser Zubereitungsmethoden. Damit die jungen Leute Lust auf die Sachen haben, gibt er den Rezepten einen modernen Twist. Weisst Du, liebes Tagebuch, wer seine härteste Kritikerin ist? Ja, genau! Seine Oma! In einem Interview hat er mit verraten, dass er nichts mehr fürchtet als den Besuch der Oma, dass ihn aber auch nichts mehr inspiriert als ihr Feedback. Schön, nichtwahr?

Nunja, jedenfalls hatte das Candlenut spontan einen Tisch frei. Einen kleinen Tisch mit schönem braunen Holz und direkt unter einem Spot. „Gutes Foto-Licht für ein Restaurant,“ dachte ich mir, und nahm gerne Platz. Das Menü an diesem Abend kostet 65S$, umgerechnet etwa 42 €. Dafür bekomme ich vier Vorspeisen, die von der Größe her eher Amuse ähneln und fünf Hauptgerichte, die alle mit Reis serviert werden sowie ein Dessert.

Die klassische Küche Singapurs ist sehr würzig, Malcolm serviert die Gerichte aber fein abgeschmeckt und sehr gut abgestimmt. Die Vorspeisen und auch die Hauptspeisen kommen jeweils auf einmal, so dass der Tisch mit kleinen Schälchen vollgestellt wird. Du kannst Dir vorstellen, wie mich das in Verzückung versetzte! Diese flaute auch nicht ab, als ich die Speisen probierte: Bei den Vorspeisen begeisterte mich ein scharf mariniertes Lamm-Satay mit Erdnuss-Sauce, bei den Hauptgängen Schweinebauch, unglaublich zart, dazu eine leicht säuerliche Assam-Sauce, Tamarinde und Chili. Ich muss Dir sagen, dass das wohl der beste Schweinebauch war, den ich je gegessen habe. Ehrlich!

Liebes Tagebuch, hier findest Du ein paar Impressionen des Menüs, was genau ich da gegessen habe, schreibe ich Dir noch einmal ausführlich in einem gesonderten Brief:

Verschiedene Vorspeisen, unter anderem mit einem

Verschiedene Vorspeisen, unter anderem mit einem „Lamb Satay with Peanut Sauce“ (rechts hinten)

Schweine- und Krabbenklößchen, Krabbenöl, Schellfisch

Schweine- und Krabbenklößchen, Krabbenöl, Schellfisch

Salat von Honig-Sternfrucht, japanischer Gurke, geröstetes Hühnchen

Salat von Honig-Sternfrucht, japanischer Gurke, geröstetes Hühnchen

Red Snapper mit frischer Chili-Sambal

Red Snapper mit frischer Chili-Sambal

Schweinebauch mit Assam, Tamarinde, Sojabohnenpaste und Chili

Schweinebauch mit Assam, Tamarinde, Sojabohnenpaste und Chili

Tintenfisch mit Sambal der schwarzen Nuss

Tintenfisch mit Sambal der schwarzen Nuss „Buah Keluak“

Apple Jelly

Apple Jelly

„Chendol Cream“ mit Pandan Jelly

Sind die noch ganz bei Toast? 😀

Der Dienstag beginnt mit einer Tour durch Little India und startet mit einem typischen Frühstück. Die Singapurer lieben ihren Toast in vielen Variationen. Der Klassiker: Kaya Toast. Zwei getoastete Scheiben mit einer Paste aus Eigelb, braunem Zucker. Kokosmilch und Pandan. Dazu: Zwei halb gekochte Eier, die mit dicker Sojasauce und etwas Pfeffer gewürzt und verrührt werden. Darin tunken echte Profis (ha!) den Toast, anstatt ihn nur zu essen. Die süßen Toasts funktionieren wider Erwarten super mit dem salzigen Ei, es ergibt sich im Mund eine bunte Melange. Das Frühstück hat bei mir gepunktet und läuft Gefahr, kopiert zu werden.

Kein Frühstück ohne Kaffee. Der in Singapur übliche Kaffee abseits der trendigen Cafés nennt sich Kopi und kommt in verschiedenen Variationen. Damit Du, liebes Tagebuch, den Kaffee wie ein Pro bestellen kannst (Ha! Ha!), gibt’s hier die komplette Enzykopidie (Hahaha!):

  • Kopi peng: Mit Eis (*g*)
  • Kopi C: Mit Kondensmilch
  • Kopi siew dai: Mit weniger Zucker
  • Kopi O: Schwarz.
  • Kopi O Kosong: Ey, ich hatte eine mistige Nacht, mach’ gscheid schwarz!
  • Kopi kao: Extra dick (Kao – dick – verstehste! Haha! Kao!)
  • Kopi poh: Extra dünn (Gnihihi)
  • Kopi milo: Kaba

Ja, liebes Tagebuch, das ist wirklich wahr. Das kannst Du mir gerne glauben.

Das Besondere an diesem Kaffee: Beim Rösten wird zu den Bohnen bereits ein Schwung Kondensmilch gegeben, was dem Kaffee eine besondere Note verleiht. Mir ist’s ein wenig zu süß, trotzdem schmeckt der Kopi.

Kopi Kaffee und Kaya Toast

Kopi Kaffee und Kaya Toast

Tekka Market und Hawker-Center in Little India

Singapur besitzt eine reichhaltige indische Geschichte. Als der Stadtstaat von britischen Kolonisten aufgebaut wurde, holten diese Arbeitskräfte aus der benachbarten Kronkolonie Indien. Die Arbeiter wurden sesshaft und brachten ihre Kultur mit nach Südostasien. In Little India wird deren Ursprünglichkeit durch bunte Häuser, viele Farben, viele Schneidereien und das typische Essen noch ein wenig sichtbar.

Im Tekka Market, einem der vielen „Wet Markets“ in Singapur, gibt es viel Gemüse und viele Kräuter, die für Currys verwendet werden. Dazu viel Fisch, von Haien über Rochen ist alles dabei. Die Metzger führen aus religiösen Gründen kein Schweine- oder Rindfleisch, dafür gibt es hier Lamm und Ziege in rauen Mengen. Und entsprechend riecht es auch: Die Melange aus Fisch, Gewürzen, Ziege und Lamm hängt mir noch immer in Klamotten, Nase und Knochen. Und liebes Tagebuch, das hättest Du sehen müssen! Die Händler übernehmen zum Teil die Aufgaben der Metzger – direkt am Marktstand. In good old Germany wäre das schlicht undenkbar. Aber siehe selbst, ich habe Dir ein paar Fotos geschossen:

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Im angeschlossenen Tekka Food Court habe ich mich dann durch die vielen Currys probiert. Und heute war Premiere: Ich wusste zum ersten Mal nicht, was ich esse: Der Händler sprach nur Tamilisch, und mein Guide Dino war weit und breit nicht zu sehen. Als er dann kam, meinte er nur: „That’s some vegetables and some kind of meat“. I don’t wanna know, aber geschmeckt hat es. Irgendwie nach Erbsensuppe.

Mein Favorit an dem Tag: Mutton Briyani. Das ist gewürzter, gebratener Basmati-Reis mit Curry (Chaaaf!), marinierten Gurken (Orange!) und Lamm-Fleisch. Das Besondere: Die Inder essen in der Regel mit den Fingern, und so gibt’s im Food-Court nur Löffel und Gabeln. Und liebes Tagebuch, hast Du schon einmal ein großes Stück geschmorte Lammkeule mit einem Plastiklöffel gegessen? Eben. Geht schlecht. Schaut auch eher unglücklich aus. Wie mein Hemd.

Dino will mich aufheitern und bringt mir ein Glas Zuckerrohr-Limonade, die frisch zubereitet wird. Die Hawker pressen das Zuckerrohr aus und mixen es mit Wasser. Lecker, aber sehr süß.

Mutton Briyani Curry

Mutton Briyani Curry

Zuckerrohr-Limonade

Zuckerrohr-Limonade

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Level 33: Eine Craft-Beer-Brauerei im 33. Stock

Es gibt ja nix, was es nicht gibt. Liebes Tagebuch, wenn Dich irgendwann einmal die Frage plagen sollte, wie hoch in einem Haus eigentlich die höchste Brauerei liegt, dann kann Dir geholfen werden: Im 33. Stock in einem der Financial Towers in Singapur. Nur, falls Du mal Kandidat bei Günther Jauch sein und keinen Telefonjoker mehr haben solltest.

Dino und ich fahren also in den 33. Stock, steigen aus, und finden uns in einer vollwertigen Brauerei wider. Die Kessel stehen mitten im Raum, drumherum eine Bar, dahinter ein Balkon mit einem fantastischen Ausblick auf die Marina Bay. Hier werden Craft-Biere hergestellt, allen voran Lager, IPAs, Stouts und Porter-Stile. Ein Weißbier ist auch dabei. Die Biere sind im Schnitt gut, das IPA finde ich besonders gelungen. Beim Weißbier merkt man die Entfernung zu Bayern, und das saisonale „Dark Wheat Beer“ hat mit dem in Bayern seit 1600 gebrauten dunklen Weizen so wenig zu tun wie ich mit der Bestellung eines Kopi C (Na, erinnerst Du Dich, liebes Tagebuch? Genau! Mit Kondensmilch). Schließlich haben die ersten bayerischen Brauer damals wohl eher nicht IPAs mit Stout gemischt. Oder so. Dafür können die Jungs im Level 33 saftige Preise: Das Glas Bier ist für 12 € zu haben.

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Hipster-Küche trifft Peranakan: Das „CreatureS“ in Little India

Die letzte Station führt wieder nach Little India, genauer in der recht neue Restaurant „CreatureS“. Bei jungen Leuten schwer angesagt mischt der Küchenchef klassische Peranakan-Küche mit modernen westlichen Hipster-Gerichten. So finden sich auf der Karte neben klassischem Laksa auch ein Burger, asiatisch interpretiert und zeitlose Klassiker wie Kürbissuppen.

Das Essen ist gut, der Service sehr zuvorkommend. Ich entscheide mich für einen Klassiker, „Ngoh Hiang & Cuttlefish Kueh Pie Tie“ sowie für den Signature Dish des Ladens, einen „Miso Cod & Ulam Onigiri“. Die Vorspeise besteht dabei auf einem Sepia-Küchlein, angenehm säuerlich gewürzt und einer frittierten Rolle mit Krabben und Schweinefleisch. Letzteres ist sehr lecker, besonders mit der servierten Chili-Sauce. Die Hauptspeise überzeugt mich nur in einer Komponente restlos: Dem Fisch. Der Chefkoch mariniert den Kabeljau (Warum zum Henker muss man in Singapur nordischen Kabeljau servieren, verstehst Du das, liebes Tagebuch? Eben.) mit einer Miso-Pflaumensaucen-Marinade, haut den Fisch in eine rauchend heiße Pfanne und löscht diese mit mehr Marinade ab. Diese karamellisiert und hält den Fisch zusammen, der in einer atemberaubenden, festen und saftigen Konsistenz auf den Tisch kommt. Als Nachtisch gibt es „Coconut Affogato“, eine pfiffige Neuinterpretation des italienischen Klassikers mit Kokoseis.

Das beste des Abends ist aber die selbst gebraute Limonade aus Zitronengras und Pandan, jenem Blatt, das gerne zum Färben genutzt wird. Nach dem Pandan-Dessert im Candlenut und dieser Limonade werde ich langsam süchtig, und muss das Zeug in Deutschland unbedingt ausfindig machen. Dann, liebes Tagebuch, schenke ich Dir ein Blatt davon als Lesezeichen.

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Zitronengras-Pandan-Limonade

Zitronengras-Pandan-Limonade

Schweinefleisch- und Krabbenrollen

Schweinefleisch- und Krabbenrollen

Nudeln, Hühnchen mit Chili-Mayonnaise

Nudeln, Hühnchen mit Chili-Mayonnaise

Miso-Kabeljau mit Reisbällchen und Gurkensalat

Miso-Kabeljau mit Reisbällchen und Gurkensalat

Kokos-Affogato

Kokos-Affogato

Gute Nacht, liebes Tagebuch.

Dein Kopi-U

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